Ein künstlerischer Spaziergang

Andrea Döring hat sich als freie Reporterin für verschiedene Tageszeitungen der öffentlichen Kunst in Ludwigshafen gewidmet. Ihre Artikel sind hervorragende Ergänzungen zu meinen doch recht kurz gehaltenen Vorstellungen der Kunstwerke, denn Andrea Döring hat das enorme Talent zu tiefgreifenden Recherchen!

Aus rechtlichen Gründen können hier nicht die Originalartikel der Zeitungen gezeigt werden; ich veröffentliche also die Grundartikel von Andrea Döring selbst mit einigen ihrer Fotos.

Ganz herzlichen Dank, Andrea, für deine wunderbaren Ergänzungen zu dieser Page!


Nicht nur dem Kaiser gefiel der kräftige junge Mann (Bogenschütze, Ernst-Moritz Geyger)

Klick auf Bild führt zum Bildartikel
Rheinpfalz, 11.4.2020


Mit nichts als einem Helm auf dem Kopf steht ein junger Mann am Rande einer Wiese. Er ist etwa ein Meter achtzig groß und athletisch gebaut. Im Sonnenlicht glänzen seine Sixpacks, seine Schultern sind breit, Arme und Beine sehr muskulös. Er hat den linken Fuß vorgestellt und holt mit den Armen weit aus, um einen Pfeil mit dem Bogen in seinen eleganten Händen abzuschießen. Nein, es handelt sich nicht um ein durchgeknalltes Corona-Opfer mit Lagerkoller, das ist Kunst. Die Skulptur „der Bogenschütze“ von Ernst Moritz Geyger steht seit 1925, seit der Einweihung des Ebertparks mit der Süddeutschen Gartenschau, mit kurzen Unterbrechungen vor dem Turmrestaurant im Ebertpark. Der Ludwigshafener Bogenschütze hat viele Brüder. Weitere Skulpturen, die der Künstler in sechs verschiedenen Größen und verschiedenen Materialien verkaufte, stehen beispielsweise am Elbufer in Dresden und im Park von Schloss Sanssouci in Potsdam.

„Das ist ein schöner Mann, gut trainiert“, findet Edith Stucke aus Friesenheim. Mit ihrem Mann Manfred macht sie einen morgendlichen Spaziergang im Ebertpark. Gefallen an der Skulptur fand auch der deutsche Kaiser Wilhelm II., als er Geyger 1895 in dessen Atelier besuchte. Ein 3,50 Meter hohes Gipsmodell hatte der Künstler gerade in der Berliner Achenbachstraße fertig gestellt. Der Kaiser bestellte die Figur in Kupfer getrieben. Im Ebertpark ist die Skulptur nicht ganz so kostbar und auch nicht so monumental wie sein Pedant unterhalb der Orangerie im Park von Sanssouci. Beim Ludwigshafener Bogenschützen handelt sich laut der auf Metallrestaurierung spezialisierten Firma Haber & Brandner mit Sitz in Regensburg und Berlin, die die Figur 2011 restaurierte, um eine Hohlgalvanoplastik, hergestellt von der „Galvanoplastischen Kunstanstalt Geislingen-Steige“, heute WMF. Um 1900 war WMF europaweit führend in der Herstellung von Bildwerken in dieser Technik.

Dafür stellt man eine Negativform vom Original, oft aus Gips, her. Diese wird mit Graphitpulver elektrisch leitend gemacht und dann in ein galvanisches Bad gehängt, zumeist eine Mischung von Kupfersulfat und Schwefelsäure. Mit Hilfe von Kupferschrauben und -drähten legt man den Strom flächendeckend an der Graphitoberfläche an. Das Material lagert sich dann im Inneren der Form ab. Mit Hilfe einer Kopiermaschine konnte WMF Figuren in Größen von 31 Zentimetern bis zu vier Metern herstellen. Nicht nur der deutsche Kaiser fand die Figur des Bogenschützen schick. In zahlreichen deutschen Herrenzimmern stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Kopie des athletischen nackten jungen Mannes auf den Schreibtischen.

Geyger hatte die beliebte Skultur, die Bezüge zu vielen antiken Darstellungen von Bogenschützen, zu einer Grafik von Albrecht Dürer und dem Herkuleszyklus am Brandenburger Tor aufweist, Zeitgenossen zufolge nach freiem Augenmaß hergestellt. Auch sportlichen Maßstäben wird der Künstler gerecht. „Das ist eine asiatische Technik, die heute noch beispielsweise in Japan angewandt wird“, erklärt Karlheinz Fuhry, Leiter der Langbogenabteilung der Schützengesellschaft Ludwigshafen nach einem fachkundigen Blick auf die Skulptur. „Die Sehne ankert im Daumen, der Zeigefinger ist der Auslöser“, beschreibt Fuhry die Handhaltung. Zur Stellung der Füße meint er trocken: „Das ist künstlerische Freiheit“.

Mehr Freiheit als andere Zeitgenossen gönnte sich der erfolgreiche Künstler, der 1861 in Berlin geboren wurde. Geyger hielt sich lange zu Studienzwecken in Frankreich und Italien auf. An der Berliner Akademie hatte er von 1918 bis 1927 eine Professur für Graphik inne, nachdem er 1893 nach nur fünf Monaten eine Professur an der Dresdner Akademie hingeschmissen hatte.. Er pendelte zwischen seinen Ateliers in Berlin und Florenz. In Florenz hatte er nach 1927 seinen festen Wohnsitz. In Deutschland gefielen nicht nur Kaiser Wilhelm seine Werke, auch Adolf Hitler kaufte einiger seiner Bilder und verlieh ihm 1936 einen Ehrensold. Mit dem Bogenschützen am Königsufer in Dresden nahm Geyger 1938/39 an der zweiten deutschen Architekturausstellung im Münchner Haus der Deutschen Kunst teil. Seine Skulptur entsprach dem, was die Nationalsozialisten als „schöne Kunst“ definierten: eine makellose Idealfigur, die in ihrer kriegerischen Pose die Bevölkerung auf Angriff und Verteidigung einstimmen sollte, wie der Kunsthistoriker Thomas Kantschew in seinem Buch „Das neue Dresden“erläutert. Nur wenige Tage vor seinem Tod erhielt Geyger 1941 die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft. Die Folgen des Krieges, in dessen Verlauf auch Ludwigshafen schweren Schaden nahm, hat Geyger nicht mehr kennengelernt. Seine Skulptur im Ebertpark betrachten viele Spaziergänger heute immer noch mit Interesse.


Die Seinsfrage kringelt sich vorm Klinikum (Ring des Seyns, Kazuo Kataze)

Klick auf Bild führt zum Bildartikel

Rheinpfalz, 25.4.2020

„Ein riesiger Hula-Hoop-Reifen?“ Die Frage, was ihm der „Ring des Seyns“, ein Kunstwerk von Kazuo Katase, das die Seitenwand des „Klinikum der Stadt Ludwigshafen am Rhein“ schmückt, sagt, antwortet Helmut Schuster aus Frankenthal mit einer Gegenfrage. Mit einem Kaffee To Go steht er an der Ecke Bremserstraße/Hohenzollernstraße. Den Frühlingssonnenschein kann er nicht so richtig genießen. Seine Frau ist schwer krebskrank. Auf dem Weg zur Bestrahlung kann er sie wegen der Corona-Krise nur bis zur Eingangstür des Klinikums begleiten. Jetzt hat er viel Zeit, sich das Krankenhaus von außen anzugucken. Das Kunstwerk hat er wie viele Menschen, die an der belebten Kreuzung zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Auto oder der Straßenbahn vorbeikommen, schon gesehen, aber nicht richtig wahrgenommen.

Ein 30 Meter langer schwarzer Stahlstab liegt auf dem Dach. Durch eine grün patinierte Kupferröhre, auf dem der Stab liegt, ragt er schräg über das Gebäude hinaus. An seinem Ende hängt ein roter Ring aus Stahl mit einem Durchmesser von zehn Metern. Vor der Glasfassade, als vierter Bestandteil der Installation steht ein 26 Meter hoher, leicht schräggestellter, bräunlich oxidierter Stab aus Cortenstahl. In Corona-Zeiten nur für Patienten und Mitarbeiter zugänglich ist weiterer Ring im Inneren des Gebäudes, ein blauen Neonring in der gläsernen Treppenhauskuppel des Klinikums.

„Früher hat meine Frau gern den Hula-Hoop-Reifen kreisen lassen. Vielleicht kann sie das ja irgendwann wenigstens mal wieder probieren“, hofft er beim Anblick des Kunstwerks. Was Künstler Katase zu Schusters Gedankengängen, angeregt vom „Ring des Seyns“ sagen würde, ist im Moment nicht zu ermitteln. Katase, der 1947 im japanischen Shizuoka geboren ist, seit 1975 in Deutschland lebt, nimmt gerade eine Auszeit in Japan. Seine Werke, die international sehr erfolgreich sind, beschäftigen sich oft mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und den Antworten, die fernöstliches Denken darauf geben.

„Was hört man, wenn man nur mit einer Hand klatscht?“, fragte Zen-Meister Hakuin seine Schüler zur Einführung in diese Art des Denkens. Die Antwort auf diese paradoxe Frage findet man der Zen-Philosophie zufolge in einer Erleuchtung, in Bildern. Genauso sei es mit der Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Muss man ins Krankenhaus – und dazu noch in Corona-Zeiten – stellen sich viele Menschen diese Frage. Krankheit stellt den Alltag vieler Patienten, ihrer Familien und ihrer Freunde oft völlig auf den Kopf und lässt ihn in einem anderen Licht erscheinen. Vielleicht entstehen durch die Corona-Pandemie in den Köpfen vieler Menschen neue Bilder zum Sinn des Lebens.

Ganz handfest ist für die Behandlung von Corona-Patienten im Klinikum eine Infektionsambulanz eingerichtet. Anfang April behandelte das Klinikum 18 Corona-Patienten, davon sechs auf der Intensivstation. Zwei von ihnen stammen aus dem Elsass. Fünf Patienten werden beatmet. Doch auch in normalen Zeiten kommen Menschen aus der ganzen Metropolregion Rhein-Neckar auf der Suche nach Heilung ins das zweitgrößte Krankenhaus in Rheinland-Pfalz mit fast 1000 Betten. Es umfasst 15 Kliniken, sieben zertifizierte Organkrebszentren, sieben Kompetenzzentren und fünf medizinische Institute. Für Studenten der Universität Mainz und der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg ist das Klinikum akademisches Lehrkrankenhaus. Ein wichtiger Schwerpunkt ist die Behandlung von Herzerkrankungen.

Lange vor Corona, im Jahr 1998 entwarf Katase das Kunstwerk für das Klinikum. Hier wird oft über Leben und Tod entschieden, die Seinsfrage immer wieder neu gestellt. Doch nicht nur in östliche Denkrichtungen soll der „Ring des Seyns“ weisen. Das Y im Wort „Seyn“ soll an die geistige Strömung des europäischen Humanismus erinnern, dessen Denker wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel diesen Buchstaben gerne statt des I benutzten. Hegels These, dass das Bewusstsein das Sein bestimmt, drehte Karl Marx später um. Gemeinsam glauben Humanisten jedoch, dass es ein besseres Leben für die Menschen geben kann. Besonders durch Bildung sollen sich die Menschen so gut wie möglich entfalten. Daraus ergibt sich Kritik an Verhältnissen, die dem nach der Meinung der Philosophen entgegenstehen. Die Corona-Krise lässt vieles in unserem Leben, was uns selbstverständlich und manchmal sogar lästig erschien, Schule, Uni, Kirche, Kino, Museen, Musik, Spiel und Sport in ganz anderem Licht erscheinen. Katases „Ring des Seyns“ kann bei einer neuen Bewertung kluge Anregungen geben. Auch wenn man vielleicht nur mal den alten Hula-Hoop-Reifen wieder rausholt.


Wie auf den Osterinseln (Insel des Friedens, Knut Hüneke)

Klick auf Bild führt zum Bildartikel

Rheinpfalz, 12.5.2020

„An die Osterinseln erinnert mich das“, meint Michael Meier aus Heidelberg zu den drei lebensgroßen Steinfiguren, die vor der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BG) in Ludwigshafen vor der Eingangstür im Kreis sitzen und liegen. Meier betritt den Kreis, um die Inschrift auf einer kleinen Tafel zu lesen. „Insel des Friedens“ heißt das Werk, der Künstler Knut Hüneke, seit 2003 schmückt die Figurengruppe den Eingang der BG. In die Klinik darf Meier wegen der Corona-Ansteckungsgefahr nicht hinein. Er hat einen Freund mit dessen Mutter, die gestürzt ist, an diesem sonnigen Aprilmorgen in die Notaufnahme gefahren. Jetzt wartet er auf Bescheid, wie schwer die Verletzung ist, ob er warten oder nach Hause fahren soll.

„Wo gehen wir hin? Was ist mit dem Tod? Bei den Skulpturen auf der Osterinsel geht es auch um eine spirituelle Dimension“, würdigt Hüneke die Gedanken Meiers. Der gelernte Steinmetz und Steinbildhauer Hüneke, der 1962 in Darmstadt geboren ist, lebt und arbeitet in Heidelberg-Dossenheim. Auch formal und ästhetisch hätten die Figuren mit den rätselhaften uralten Steinwesen auf der Insel vor der Küste Südamerikas zu tun, meint der Künstler. Die Felsen, aus denen die drei Steinmenschen gehauen sind, kommen zwar nicht von der Osterinsel, haben aber trotzdem weite Reisen hinter sich. Tritt man aus der Eingangstür der BG sitzt links eine Gestalt, die aus ägyptischen Rosengranit besteht. In der Mitte liegt eine Figur aus Dolerit, eine Basaltart aus Namibia. Rechts hockt ein Steinmann aus deutscher Basaltlava. Alle drei Skulpturen hat Hüneke einzeln vor Ort gefertigt und sich dabei von den heimischen Kulturen und Religionen und ihrer Geschichte inspirieren lassen. Sie bilden zwar einen Kreis, schauen aber aneinander vorbei.

Bei der Aufstellung durften Mitarbeiter der BG mitreden. Darunter war der frühere Geschäftsführer der BG Erwin Radek, der den Künstler auf einer seiner Ausstellungen kennengelernt hatte. „Wir haben im Steinbruch Figurenwerfen gespielt“, berichtet Hüneke augenzwinkernd über den Besuch der Kommission. „Verschiedene Figuren habe ich mit dem Stapler hin- und hergefahren. Als alle Gesichter gelacht haben, war die Gruppe fertig.“ Sie gefällt vielen Mitarbeitern und Patienten. Immer wieder bekommt Hüneke Mails von Menschen, die lange Zeit in der BG verbringen mussten: „Sie hat mir Ruhe gegeben“, ist oft ihre Botschaft. Auf andere Menschen hat sie eine andere Wirkung. Erwachsene kommen auf die Idee, sich draufzusetzen oder sich in den Kreis zu integrieren. Kinder würden oft gerne auf die Figuren klettern. Die Wachleute reagieren unterschiedlich. „Ich finde das eher schön, wenn es einen Kontakt gibt. Anders als bei Holz- oder Bronzeskulpturen kann ja nichts kaputt gehen“, erklärt der Künstler. Als Patient war Hüneke noch nicht in der BG. „Ich komme aus dem Handwerk, ich weiß, wie wichtig Unfallverhütung ist“, erklärt er.

Für Berufsverletzte, aber auch andere Patienten steht die BG offen. Die Behandlung von Brandverletzungen, aber auch die Unfallchirurgie und Orthopädie sind die Schwerpunkte der Klinik. Sie ist seit November 1973 auch der Stützpunkt des Rettungshubschraubers Christoph 5. Seit Montag, dem 06. April, ist der Intensiv-Transporthubschrauber Christoph 112 an der BG Klinik Ludwigshafen stationiert. Covid-19-Patienten kann er als fliegende Intensivstation beatmet transportieren. Er ist der erste ADAC-Rettungshubschrauber, der bundesweit Einsätze fliegen kann und das sogar nachts.

Von der archaisch wirkenden „Insel des Friedens“ aus kann man den technisch hochgerüsteten Corona-Hubschrauber sehen. „Durch die Corona-Krise geht es mit einem Mal darum, was übrigbleibt, wenn das Geld auf dem Konto, das Haus, das Auto, die Fernreisen an den Rand rücken. Keine Religionsgemeinschaft, kein spiritueller Verein hätte das erreichen können“, glaubt Hüneke. Umso mehr freut er sich, nach der Krise wieder Kurse geben zu können. Steinbildhauen kann man bei ihm lernen, aber auch experimentelle Archäologie. „Man findet viel über die Vergangenheit heraus, indem man einfach die Arbeitsprozesse nachmacht“ Auch auf fremde Länder ist er weiter neugierig „In Indien gibt es bis auf den heutigen Tag Orte, an denen Bildnisse hinduistischer Gottheiten aus Stein gefertigt werden. Nur wenn sie streng einem überlieferten Proportionskanon folgen, haben sie eine spirituelle Wirkung. Es ist klar, dass ein figurativ arbeitender Steinhauer diese Orte gesehen - und vielleicht sogar dort gearbeitet - haben muss.“ Als nächstes möchte er aber Göbekli Tepe, mit 12.000 Jahren die älteste Tempelanlage der Welt, in der Osttürkei besuchen, die der verstorbene Heidelberger Archäologe Klaus Schmidt ausgegraben hat. Und die Osterinsel? „Tatsächlich steht die Osterinsel und das Inka Mauerwerk in Peru schon lange auf meiner Wunschliste.“ Bis Reisen aber wieder möglich ist, ist die „Insel des Friedens“ vor der BG ein Ort, an dem man sowohl Ruhe als auch Fernweh spüren kann.


Wohin führt das Leben? (Endlose Treppe, Max Bill)

Rheinpfalz, 26.5.2020

Klick auf Bild führt zum Bildartikel

„Die Endlose Treppe“ liegt auf dem Weg von der Agentur für Arbeit zum Jobcenter. Die Skulptur stammt von dem Schweizer Künstler Max Bill. Für das Prinzip Hoffnung, das bekannteste Werk des Philosophen Ernst Bloch, wollte Bill mit den Treppenstufen ein Bild finden. Seit 1991 steht das 20 Tonnen schwere Werk aus Granit an der Berliner Straße. Sie trägt eine Bloch gewidmete Inschrift. Im Jahr 1985 wäre der berühmte Sohn der Stadt hundert Jahre alt geworden. Noch näher als das Jobcenter allerdings ist dem Kunstwerk das Wilhelm-Hack-Museum. Die Skulptur ist eine Dauerleihgabe vom Förderkreis des Museums, der Dr.-Hans-Klüber-Gedächtnisstiftung und der Stadtsparkasse. Auf dem Seminarplatz in Dessau, Ludwigshafens Partnerstadt in Sachsen-Anhalt, ist ein weiteres Werk Bills mit gleichem Namen zu finden. 

Ganz unterschiedlich erscheint die Höhe der Stufen je nach Lichteinfall. Doch misst man nach, winden sich 19 Stufen ganz gleichmäßig 9,35 Meter in die Höhe. Beim Anblick der Endlosen Treppe fühlt Christian Maurer, seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, sich an Kafka erinnert. „Die Stufen führen ins Nichts. Ein Geländer ist auch nicht da. Man dreht sich im Kreis. Eine ausweglose Situation“, meint er zum Kunstwerk. Auf das Prinzip Hoffnung trifft er in einer ziemlich verzweifelten Lage. Er ist Inhaber eines kleinen Reisebüros. „Mit den vielen Reise-Stornierungen wegen der Corona-Pandemie habe ich unheimlich viel Arbeit. Die versprochenen Zahlungen sind auf meinem Konto noch nicht eingegangen, die Kosten laufen aber weiter. Mit dem Arbeitsamt hatte ich fast vierzig Jahre lang nichts zu tun“, berichtet der 57-Jährige Mitte April.

„Der Boden wankt, sie wissen nicht, warum und von was. Dieser ihr Zustand ist Angst“, so steht auf der ersten Seite von Blochs „Prinzips Hoffnung“. Das Sein, das Materielle, was man besitzt und wie man arbeitet, bestimmen das Bewusstsein, war der Neomarxist überzeugt, aber Menschen seien auch mit einem „Überschuss“ ausgestattet. Das drückt sich Bloch zufolge aus in der Kunst, der Musik und in Utopien, Vorstellungen von einer besseren Welt. Wie man darauf hoffen lernen kann, ist in dem fast 1700 Seiten starken Werk zu lesen. Vielleicht ein guter Lesetipp in Pandemie-Zeiten. Ob Bill das Buch von vorne bis hinten durchgearbeitet hat, ist nicht überliefert. Doch der Künstler und der Philosoph waren Freunde mit gemeinsamen politischen Meinungen. Beide waren überzeugte Antifaschisten. Mehrfach hatte Bill Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland versteckt. Über die Schweiz führte Blochs Weg aus Deutschland nach Amerika. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzen sich beide in ihren Werken für die Versöhnung von Vernunft und Gefühl ein.

Bill war nicht nur Bildhauer, sondern auch Grafiker, Maler und Architekt. Als Konstruktivist arbeitet er mit geometrischen Grundformen, Farbflächen und Linien. In seinen Werken hat er oft versucht, Grundprinzipien des Daseins in eine durch mathematische Gesetzmäßigkeiten bestimmte Form zu bringen. Wohin führt das Leben? Die Antwort auf diese Frage bleibt bei der Endlosen Treppe offen. Bei anderen Werken Bills wie der „Unendlichen Schleife“, die seit 1974 im Essener Stadtgarten steht, oder „Kontinuität“, 1986, zu finden vor der Hauptverwaltung der Deutschen Bank in Frankfurt, führt die Form oft zurück zum Anfang. Die Granit-Treppe ist eines seiner letzten großen Werke Bills. Ein Jahr zuvor, 1990, widmete ihm das Hack-Museum eine große Retrospektive. 1994, drei Jahre nach der Einweihung der Skulptur, im Alter von 86 Jahren starb Bill.

Gutes Anschauungsmaterial für Mathe- und Physiklehrer könnten Bills Werke wie etwa „Strahlung aus Durchdringung“ in Lugano aus dem Jahr 1969, „Rotation um sich ausdehnendes Weiss“. Zürich, 1981 oder das Einstein-Denkmal. Ulm, 1982, bieten. Vielleicht ist die Endlose Treppe aber auch ein Fall für Reli-Lehrer und Pfarrer. Sie führt nach oben, in den Himmel. Verweist das Werk, das an den Atheisten Bloch erinnern soll, auf Gott? Nicht nur die Agentur für Arbeit und das Hack-Museum findet man in der Nähe der Endlosen Treppe, auch die Lutherkirche, die im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört wurde. Durch den Krieg und den Holocaust haben viele Menschen ihren Glauben verloren. Heute dient die ehemalige Kirche als Mahnmal, als Begegnungsstätte für religiöse Veranstaltungen, aber auch für Konzerte und gemütliches Beisammensein mit Freunden.

Wie die Endlose Schleife hat die Endlose Treppe etwas mit Bewegung zu tun, die Treppe zusätzlich aber auch mit Anstrengung und vorgegebenen Strukturen, den Stufen. Obwohl sie die gleiche Höhe haben, erscheinen sie mal schwerer, mal leichter zu erklimmen. Wohin gehen wir und welchen Weg nehmen wir? In verschiedenen Phasen des Lebens geben Menschen auf diese Fragen durchaus unterschiedliche Antworten. Durch die Corona-Krise erscheint vieles in einem neuen Licht.


Auf der Suche nach Erleuchtung (Lichttor, Wolf Spitzer)

Rheinpfalz, 29.6.2020

„Ludwigshafen war wie eine Mutter für mich“, erinnert sich Bildhauer Wolf Spitzer an seine Anfangszeit als Künstler. Einige seiner Großplastiken sind in der Industriemetropole zu finden. Zwischen Rathaus und Fußgängerzone ist seit 1979 seine Bronzefigur „Lichttor“ platziert. Oft ist sie Treffpunkt für Demonstrationen. Kerzen stellen Ludwigshafener gern zwischen den fünf Meter hohen Streben auf den Sockel aus Granit, wenn sie trauern oder wichtiger Ereignisse gedenken. Spitzer, der 1940 in Speyer geboren ist und dort lebt, verfolgt aufmerksam die Entwicklung Ludwigshafens. „Sie ist eigentlich eine Arbeiterstadt mit viel Charme. Leider liegt sie momentan am Boden“, bedauert der Künstler.

Wie man in einer solchen Situation hoffen lernen kann, ist bei Ernst Bloch zu lesen. Als Hommage an den wichtigen Philosophen der Stadt ist das Lichttor gedacht. Dessen Hauptwerk, „das Prinzip Hoffnung“, fast 1700 Seiten schwer, steht, offensichtlich gelesen, in Spitzers Arbeitszimmer im Regal. „Der Name bezieht sich einerseits auf eine profane Ebene, nämlich der bei Nacht angeleuchteten Plastik, andererseits auf eine metaphysische Ebene, nämlich die des Lichtes im Sinne von Erleuchtung“, erklärt Spitzer, der sich immer wieder in seinem Leben und seiner Kunst mit Religion auseinandergesetzt hat.

Allenfalls in religiösem Sinne kann das Lichttor heute noch zur Erleuchtung führen. Außer den Kerzen flackert hier nachts nichts mehr. Von vier Lichtpositionen im prismatischen Sockel aus sollte sie von unten nach oben im angeschliffenen Inneren mit Licht geflutet sein. Seit bei irgendeiner Umbaumaßnahme die Kabel gekappt sind, ist das Lichttor so nicht mehr zu sehen. Mit seiner Skulptur wollte er den Stadtraum zum Rathaus öffnen, und das Rathaus zur Stadt. „Das war so wunderbar angelegt“, schwärmt er vom Rathauscenter. Dem früheren Leben auf der Bismarckstraße trauert er nach. „Es tut so weh, die Stadt in diesem Zustand zu sehen“, klagt er. „Das Fieberthermometer einer Stadt steigt und fällt mit ihrem Aussehen“, weiß er. Doch der rüstige Rentner mit den wachen blauen Augen verweist auf die „Broken-Windows-Theorie“. Nach der geht immer mehr kaputt, wo man nicht repariert. Spitzer krempelt innerlich schon die Ärmel auf. „Man müsste das Lichttor mal richtig durchschleifen“, meint er.

Von seiner enormen Schaffenskraft zeugen Haus und Garten von Familie Spitzer in Speyer. Modelle und Originale schmücken die Wände und stehen auf Tischen und Regalen. Erasmus von Rotterdam steht als Statue auf einem Sockel mitten in seinem Arbeitszimmer. Anders als die abstrakten Großplastiken, die auf den Straßen und Plätzen Ludwigshafens zu finden sind, sind die Köpfe und Büsten wie etwa die von Martin Luther und Philipp Melanchthon, die in Wittenberg stehen, eher figürlich. „Ich denke gegenständlich, plastisch und konstruktivistisch. Diese Denkebenen sagen sich bei mir gegenseitig Guten Tag und Auf Wiedersehen“, erklärt er den scheinbaren Widerspruch. Aus den Negativ-Wachsformen seiner figürlichen Arbeiten bildet er gern Höhlen und Landschaften.

Das Sein, das Materielle, was man besitzt und wie man arbeitet, bestimmen das Bewusstsein, war Neomarxist Bloch überzeugt, aber Menschen seien auch mit einem „Überschuss“ ausgestattet. Das drückt sich Bloch zufolge aus in der Kunst, der Musik und in Utopien, in Vorstellungen von einer besseren Welt. Für ein schöneres Ludwigshafen hat Spitzer viele Ideen. „Ein Künstler ist kein Solitär, nicht vom Himmel gefallen. Er ist Teil einer Stadt“, weiß er. Gerne würde er seine und die Kunstwerke seiner Kollegen wieder stärker gewürdigt wissen, etwa durch die Entfernung von Graffities. Für seine Skulptur wünscht er sich von der Stadt die Reparatur der Lichtanlage. „Das Lichttor ist ein Friedensgebilde, ein Geistesgebilde“, meint Spitzer. Die Flamme, die Ludwigshafen zur Mutter vieler Künstler gemacht hat, ist noch lange nicht erloschen.


Handel und Wandel (Maritta Kaltenborn)

Allgemeine Zeitung 02.07.2020
Rheinpfalz 24.7.2020

Klick auf Bild führt zum Bildartikel

Oscar, sechs Jahre alt, ist auf die Bronzeskulptur „Handel und Wandel“ in der Ludwigshafener Fußgängerzone geklettert. Bequem in der Rundung sitzend packt er Bonbons aus und lutscht versonnen. Den Sockel der rund vier Meter hohen und zwei Meter breiten Skulptur kann man auch prima als Rutsche benutzen, erkennt seine kleine Schwester Luise. Beim Kaffeetrinken hat ihre Mutter sie im Blick. Maritta Kaltenborn, die Mannheimer Plastikerin und Schmiedin freut sich, wenn Kinder und Erwachsene ihre Skulptur mit allen Sinnen wahrnehmen. Seit 1989 steht das abstrakte Kunstwerk, das die Commerzbank gestiftet hat, in der Bismarckstraße nahe der Ecke zur Bahnhofsstraße.

„Mit Absicht gestalte ich die Kunstwerke so, dass man sich an ihnen nicht verletzen kann“, erklärt Kaltenborn am Telefon. Sie hat zwei Kinder und zwei Enkel. Mit 84 gehört sie noch längst nicht zum alten Eisen. Im Gegenteil, sie schmiedet weiterhin bemerkenswerte Figuren aus dem harten Metall. Sie sind – wie der Totentanz, der auf ihrer Homepage zu sehen ist – aus einem Stück gefertigt. Das ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen. Kaltenborn hat es damit in den Brockhaus geschafft, wie sie stolz berichtet. Ihre Eisenskulpturen sind figürlich, die aus Bronze wie „Handel und Wandel“ abstrakt.

Den Anker aus dem Ludwigshafener Wappen stellt das elegant geschwungene Kunstwerk dar. Als Symbol der Schifffahrt steht er für die Stadt am Rheinhafen. Der Ludwigs-Hafen umfasst über mehrere Standorte verteilt ein Gebiet von über 150 Hektar und schlägt wasserseitig pro Jahr rund sieben Millionen Tonnen Güter um. Damit ist er einer der größten und wichtigsten am Oberrhein. Allerdings steht Kaltenborns Anker in der Bismarckstraße auf dem Kopf. Das passt vielleicht zum Wandel der Zeiten rund um die Skulptur. Immer weniger Handel gab es seit der Schließung des ehemaligen Horten-Kaufhaus, dem Abriss der Tortenschachtel und des C&A-Gebäudes, weniger Menschen kamen vorbei.

Doch in anderer Hinsicht sind die Zeiten durchaus besser geworden. Auf den Kopf gestellt hat Kaltenborn auch das Weltbild ihres Lehrers. Bei Alfred Holzinger wollte sie in den 70er Jahren das Handwerk lernen, als die Kinder aus dem Gröbsten raus waren. „Frauen können nicht schmieden“, bekam sie von ihm zu hören. Als einzige Frau war immer sie diejenige, die ihren Amboss leerräumen sollte, wenn der Meister dem Kurs etwas vormachen wollte, bis sie sich strikt weigerte. „Sie sind inzwischen eine Meisterin geworden“ soll Holzinger bei einem späteren Wiedersehen anerkannt haben. Mit großem Durchsetzungsvermögen und viel Humor hat sie sich als eine von wenigen Frauen als Bildhauerin einen Namen in der Rhein-Neckar-Region und darüber hinaus machen können.

Mit Humor nimmt sie auch den Spitznamen zur Kenntnis, den die Ludwigshafener dem Kunstwerk verpasst haben. „Das Ohr der Verwaltung“ heißt im Volksmund die Bronzeskulptur, von der aus man das Rathaus sehen kann. Doch auch ohne Hilfsmittel ist für die Verwaltung das Klagen von Anwohnern und Geschäftsleuten über den Verfall der einst blühenden Fußgängerzone laut genug. Rund um „Handel und Wandel“ gibt es mittlerweile überwiegend Handy-Shops und Ein-Euro-Läden.

„Während die Arbeiter die Skulptur aufstellten, bin ich in der Umgebung oft spazieren gegangen“, erzählt sie. Schön fand die Mannheimerin die Ludwigshafener Einkaufsmeile damals. Gefallen haben ihr auch die anderen Kunstwerke rund ums Rathaus. Jetzt war sie lange nicht mehr da.  „Ich glaube, ich muss mal wieder gucken kommen“, meint sie. Auch wenn viele Ludwigshafener ihre Fußgängerzone momentan traurig finden, in Bezug auf Kunst im öffentlichen Raum hat die Innenstadt einiges zu bieten. Doch auch in Bezug auf Handel und Wandel gibt es wieder Hoffnung. Die Hauptverwaltung der Technischen Werke Ludwigshafen (TWL) zieht in das ehemalige Horten-Gebäude, neue Geschäfte sollen im Erdgeschoss eröffnen. Ludwigshafen hat sich schon mehrfach wie Phönix aus der Asche erhoben. Vielleicht wird die Skulptur irgendwann stummer Zeuge eines neuen Erglänzens der Innenstadt.


Darstellung einer grausamen Strafe: Gestürzter Prometheus (Michael Croissant)

 

Klick auf Bild führt zum Bildartikel

Jahrhundertelang quälte ein Adler auf Befehl von Göttervater Zeus den Titanen. „Gestürzter Prometheus“ heißt das Werk im Eingangsbereich des Carl-Bosch-Gymnasiums (CBG), das an nie endendes Martyrium erinnert. Seit 1965 hängt die Skulptur aus Bronze an der Außenfassade der Turnhalle. Der griechischen Mythologie zufolge schuf Prometheus die Menschen aus Ton, lehrte sie verschiedene Handwerke und Wissenschaften und brachte ihnen gegen den Willen der Götter das Feuer. Zur Strafe fraß Adler Ethon seine Leber, die sich jedoch immer wieder erneuerte. Die Plastik stammt von dem Künstler Michael Croissant, der 1928 in Landau geboren wurde und 2002 in München starb.

Informationen über Werk und Künstler blieben der Schulleitung 1965 jedoch zunächst vorenthalten. Eines Morgens im Oktober stand die Skulptur, ohne dass der Direktor Bescheid wusste, auf dem Schulhof. „Die Sportlehrer wollten es als Sportgerät verwenden, die Chemiker wollten es vorsichtig in kleine Stücke brechen und in Reagenzgläsern aufbewahren und danach untersuchen, die Erdkundelehrer hielten es für einen außergewöhnlichen Meteorit“, heißt im Jahrbuch des CBG von 1965. „Den Granatsplitter haben wir ihn immer nur genannt“, erzählt Gerhard König. Der 72-jährige Lehrer, der immer noch stundenweise am Geschwister-Scholl-Gymnasium arbeitet, war Schüler am CBG, als das Metall auf dem Schulhof landete.

Der Gestürzte Prometheus war als Kunst am Bau für die damals erst kürzlich eingeweihte Turnhalle gedacht. Mit diesem Wissen konnten die Griechisch-Lehrer „Prometheus“ übersetzen: „Der Vorausdenkende“. Vorher allerdings nicht bedacht war, dass das Werk mit einer Höhe von 3,25, einer Länge von vier und einer Tiefe von 2,5 Metern mit etlichen scharfen Spitzen und Kanten für einen Schulhof völlig ungeeignet war.  Deshalb kam es an die Turnhalle. Bis heute kursiert das Gerücht, es hinge falsch herum, weil die Bauarbeiter, die bei der Montage beteiligt waren, mit dem Werk nichts anfangen konnten. Eine Untersuchung im Auftrag des Hack-Museums im Jahr 2011 widerlegt dies jedoch. Allerdings hängt das als Freiplastik geplante Werk, das von allen Seiten aus Körperhöhe zu betrachten sein sollte, nun um 90 Grad gedreht, einige Meter hoch. Wie der Künstler das fand, ist nicht zu ermitteln. Sein Frühwerk Gestürzter Prometheus fällt sowieso ein wenig aus der Reihe. Croissants international preisgekrönte Plastiken wie „Kopf“, „Figur“ oder „Stehender“ sind zumeist von klaren geometrischen Formen bestimmt. Schaut man genauer hin, erkennt man auf dem Foto am unteren rechten Rand die Gestalt eines Adlers. Würde die Skulptur wie geplant auf einem Sockel auf dem Boden stehen, würde der Raubvogel – wie auch in anderen künstlerischen Darstellungen des Themas – von oben auf Prometheus´ Leber einhacken.

Vielleicht ist die Art der Präsentation daran mitbeteiligt, dass Schüler, Eltern und Lehrer mit dem Kunstwerk oft wenig anfangen können. Auch Schulleiter Urs Böckmann, seit fünf Jahren im Amt, gehört dazu. „Ich befürchte, eine Liebesbeziehung werde ich zu diesem Kunstwerk wohl nicht entwickeln“, meint er. „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“, steht an der Tür des Gymnasiums. Engagiertes Eintreten für Frieden und Bildung ist Ziel der Schule. Prometheus hat den Menschen mit dem Feuer die Möglichkeit gegeben hat, sich selbst zu helfen. Empowerment heißt der Fachbegriff aus der Rassismus-Forschung, „Es macht mich stolz, dass Prometheus, der sich für Gleichberechtigung und Selbstermächtigung einsetzt, für unsere Schule steht“, meint eine Schülerin der zehnten Klassen. Doch er wird für seinen Einsatz mit größtmöglichem Sadismus bestraft. „Das passt vielleicht zu den Erziehungsmethoden der damaligen Zeit“, meint Ex-Schüler König. „Wer aufmüpfig war, bekam was auf den Deckel“. Wissen und Emanzipation ist jedoch – so zeigt die Geschichte – nicht ohne Gefahren. Verantwortungsvolle Lehrer berücksichtigen das in ihrem Unterricht. Auch daran kann der Gestürzte Prometheus erinnern. „Dialektik der Aufklärung“, kommentiert Kunstlehrer Emanuel Stäb fachkundig. Geschichtsbewusst ist auch Schulleiter Böckmann: „Die künstlerisch-ästhetische Bildung gehört zum Lehr- und Unterrichtsauftrag eines Gymnasiums und der gestürzte Prometheus seit über 50 Jahren zum CBG. Er ließe sich heute sicherlich eindrücklicher präsentieren und damit dem Gebäude und dem Kunstwerk eine neue Aufmerksamkeit zu Teil werden lassen. Eine Überlegung wäre es allemal wert!“


Ombra Latina (Marcello Morandini)

Rheinpfalz, 4.9.2020

Von der Sonnenglut des Augusts kann man sich rund um „Ombra Latina“ auf dem Hans-Klüber-Platz zwischen Arbeitsamt, Staatsphilharmonie und Wilhelm-Hack-Museum ein wenig erholen. Mit „Südlicher Schatten“ findet man den Titel übersetzt. An eine Sonnenuhr erinnert das Werk aus weißem Marmor und schwarzem Granit des Italieners Marcello Morandini. Doch ihren Schattenwurf zu verfolgen, ist nicht nur im Laufe eines Sonnentages interessant. Seit dem Jahr 2004, als die zehn Meter hohe Stele, die aus abwechselnd schwarzen und weißen Dreiecken besteht, im Herzen von Ludwigshafen ihren Platz fand, hat sich der Ort um sie herum grundlegend gewandelt. Wo sich früher eine scheinbar endlose lebensfeindliche Steinwüste erstreckte, blühen heute im Hack-Garten auf dem Platz je einer Palette Blumen und Kräuter, ernten Ludwigshafener Tomaten oder Kohlrabi. Auf der Bühne in der Mitte des Gartens finden Konzerte und interkulturelle Feste statt. Am 18. August des Jahres bekam er den Sonderpreis „Soziale Natur - Natur für alle“ des „UN-Dekade-Preises Biologische Vielfalt 2020“. Menschen und Pflanzen wissen den Schatten, den Ombra Latina spendet, sehr zu schätzen. Auch Morandini gefällt die Verwandlung des Platzes, von der er erst letzte Woche erfuhr. “Mit freudiger Überraschung begrüße ich dieses Projekt privater Gärten, das meine Skulptur "Ombra Latina" nun umgibt”, sagt er. In der Industriestadt Ludwigshafen und beim Hack-Museum hat er sich als Künstler und Mensch immer willkommen gefühlt.

Gießkannen und Gartenstühle stehen jetzt neben dem Kunstwerk, das unten schmal ist und nach oben immer breiter wird. Im Schatten der Stele legt Wiebke Peter (Name geändert) eine kurze Pause ein.  „Haifischzähne, die wollen die umliegenden Gebäude knacken“, fällt der 59-Jährige zu den Dreiecken ein, die sich nach oben erweitern und unendlich fortsetzbar wären. Die Event-Agentur, bei der Peter seit 30 Jahren arbeitet, hat wegen der Corona-Krise Insolvenz angemeldet. Das erste Mal nach langer Zeit hat sie wieder mit der Agentur für Arbeit zu tun. Vor der Zukunft hat sie Angst. Vielleicht findet sie das Werk deswegen bedrohlich. „Kann das umfallen?“ fragt sie.  Norbert Hufler, Autor der  Broschüre „Künstlerischer Spaziergang durch die öffentliche Kunst im Zentrum Ludwigshafens“ und der Homepage www.kunstinlu.de hat  lange über die Statik der Stele gerätselt. „Als ein Lastwagenfahrer gegen die Säule gefahren ist und ein Loch im Kunstwerk hinterließ, konnte ich ein Foto von seinem Inneren machen.“, berichtet Hufler. „Die Stabilität war mit einer inneren Stahlkonstruktion möglich, die an der Basis mit maximaler Sicherheit … im Boden verankert ist”, erklärt Morandini. Die Laster, die die Staatsphilharmonie oder das Hack-Museum beliefern, stellen für Ombra Latina keine Gefahr mehr dar, seit das Museum 2012 den Garten gründete. Morandini wollte mit den Dreiecken aus weißem Marmor aus Carrara, den schon Michelangelo verwandte und aus schwarzem Granit eine Umarmung darstellen.

Mit Dreiecken, Quadraten und Kreisen spielt Morandini gern. Seine Kunst ist konstruktiv-konkret. Man könnte Ombra Latina der Op-Art, also der optischen Kunst zuordnen, die in den 60er Jahren entstand. Beim russischen Konstruktivismus, dem Bauhaus und De Stijl liegen die Wurzeln. Mit Hilfe von Formen und Farben erzeugt Op-Art die Vorstellung von Bewegung, Flimmereffekten und optischen Täuschungen. Morandinis Werke sind in ganz Europa und Asien zu finden.  Hochhäuser in Singapur und Kuala Lumpur, Fassaden für Firmengebäude wie der Porzellanfirma Rosenthal entwarf er. Bei Rosenthal kann man unter anderem auch Schalen mit seinem Design bestellen. Teppiche, Leuchten und Produkte aus Kunststoff gestaltete er zum Beispiel für Vorwerk. Mehrfach war er zur Documenta in Kassel eingeladen. Große Ausstellungen hatte er unter anderem im Hack-Museum, in der Neuen Sammlung in München oder in der Kestnergesellschaft in Hannover. Am 16. September reist er für eine Ausstellung nach Düsseldorf. Dann will er auch in Ludwigshafen vorbeikommen, seine Stele und den Hack-Garten besuchen. “Ich bin sicher, dass Ombra Latina gerne von oben die Show betrachtet, die sie jeden Tag mit Menschen, Worten, Farben, Parfums, Performances, Musik, Ideen, Regen, Sonne, Leben umgibt! Außergewöhnlich!”, findet er.


Harlekin (Gerd Dehof)

 

Klick auf Bild führt zum Bildartikel

Dominik versucht auf dem Platz vor dem „Kulturzentrum Haus“ in der Innenstadt von Ludwigshafen, Handstand zu machen. Lange schafft er das noch nicht und die Beine hält er ziemlich krumm. Schon seit 1967 hält es der Harlekin, die Skulptur am Rande des Platzes, gleich neben dem Bürgersteig der Bahnhofstraße, im Handstand aus. Der Mannheimer Künstler Gerd Dehof hat die Figur aus Beton geschaffen. Auch ihre Beine sind nicht ausgestreckt. Ein breites Grinsen hat er im Gesicht, das Richtung Berliner Straße, gerichtet ist, wo sich die Agentur für Arbeit befindet. Die Anwohner protestierten gleich nach der Aufstellung. Sie glaubten, dass das ungefähr vier Meter hohe Kunstwerk den Kindern Angst einflößen würde.

„Vor dem habe ich keine Angst“, verkündet Dominik. Doch wenn man den Charakter der Bühnenfigur „Harlekin“ untersucht, kann man die Befürchtungen der Anwohner nachvollziehen. Entstanden ist sie wahrscheinlich in Zusammenhang mit der Entwicklung der  Commedia dell’arte in der Renaissance. Der Harlekin kann gut und böse sein, Engel oder Teufel, Diener oder Herr. Seine Sprache ist oft ziemlich dreckig.  Körperbetont und sehr exzentrisch sind seine Bewegungen. Er verkleidet sich gern, täuscht die Menschen. An Regeln hält er sich nicht, die ganze Weltordnung stellt er auf den Kopf.  Aus der  Figur des Harlekin entwickelte sich mit der Zeit der typische, naive Spaßmacher, der Kasper aus dem Puppentheater.

Der gefällt Kindern. Doch die ursprüngliche Figur, die oft die Stimme des Volkes erklingen lässt, kann unbequem sein. Für manch einen geriet Ende der 60er Jahre die Welt aus den Fugen. Im Jahr 1967, als die Skulptur aufgestellt wurde, bahnten sich große Veränderungen an. Proteste gegen den Vietnamkrieg begannen in Amerika. Bald rebellierten in weiten Teilen der Erde die Jungen gegen die Alten. Das könnte ein Aspekt dieser Figur sein. Als Haus der Jugend war das heutige Kulturzentrum ursprünglich gedacht. Formal ist der Harlekin an Expressionismus und Kubismus orientiert. Die geometrische Auflösung der Figur und der dynamische Sprung unterstreichen die Idee des Ungreifbaren und unruhig Bewegten dieser Figur.

Wo Dehof politisch stand, ist aus den Materialien, die man zu ihm findet, nicht zu ermitteln. Doch unkonventionell war er bestimmt. Er wurde 1924 in Zweibrücken geboren. Vor dem Krieg absolvierte er eine Schlosserlehre.  Nach dem Krieg, mit 19, fing er noch einmal etwas ganz anderes an. Er machte Abitur und studierte schließlich Bildhauerei in Mannheim und Karlsruhe. Neben seiner Tätigkeit als freier Künstler lehrte Dehof ab 1957 an der Freien Akademie der Künste in Mannheim und später an der Fachhochschule für Bildhauerkunst und plastisches Gestalten. Er hatte sein Atelier im Mannheimer Sternwartenturm. 1989 starb er in Mannheim.

Nicht nur in Mannheim sind zahlreiche Werke wie das „Blumepeter“-Denkmal auf den Kapuzinerplanken oder  der „Flößer“ auf dem Hauptfriedhof Mannheim zu finden. „' S Luiche“ in Zweibrücken oder das  Betonrelief an der Westfassade der Christ-König-Kirche in Landau gehören dazu. Dehof arbeitete mit unterschiedlichen Materialien, mit Holz, Bronze, Stahl und Aluminium. Besonders gern verwandte er jedoch Beton. „Für uns heute ist das am leichtesten verfügbare Material der Beton, der Zement. Er gibt alles her, was gestalterisch von einem Material verlangt werden kann“, diese Worte sind von ihm überliefert. Die Figuren wirken im Gegensatz zu dem harten, schweren Material, das sehr dicht ist, leicht, weich und beweglich. Oft erzählen Dehofs Werke eine Geschichte.

Geschichten erzählen könnte auch der Platz, auf dem der Harlekin steht. Das Kulturzentrum umrahmt den Platz auf zwei Seiten. Hier fanden einige der ersten Konzerte nach dem Corona-Lockdown statt. Bald wird es hoffentlich wieder Flohmärkte geben. Beim Straßentheaterfestival können nächstes Jahr vielleicht wieder Artisten oder andere Künstler auf dem Platz auftreten, Handstand mit geraden oder krummen Beinen vorführen.

Regenmännlein (Kurt Lehmann)

 

Klick auf Bild führt zum Bildartikel

Wer lesen kann ist klar im Vorteil. Wer viele Bücher gelesen hat, ist zumeist gegen zahlreiche Widrigkeiten des Lebens gewappnet. Ob es aber geschickt sein mag, sich zum Schutz gegen Regen ein Buch über den Kopf zu halten, mag man bezweifeln. Kurt Lehmanns Regenmännlein auf dem Ludwigsplatz, eine rund 80 Zentimeter hohe Skulptur tut das seit fast 60 Jahren. Da sowohl das Männchen als auch das Druckwerk aus Bronze sind, haben beide Wind und Wetter gut überstanden. Das Regenmännlein ist ein Geschenk der Nachbarstadt Mannheim zum hundertsten Geburtstag der Stadt Ludwigshafen. Am 27. Dezember 1852 verlieh König Maximilian II. Ludwigshafen die Rechte einer Gemeinde. Seit 1953, dem Jahr der Aufstellung, hat sich auf dem Ludwigsplatz viel getan. Läden eröffneten und schlossen wieder. Viele Skulpturen sind dazugekommen. Nicht weit vom Regenmännlein steht jetzt, vor Regen gut geschützt, ein Bücherschrank, aus dem man Bücher ohne Bezahlung entnehmen kann.

„Ich würde ja lieber einen Regenschirm nehmen“, meint Peter Schumacher aus Mitte, der gerade das Buch-Angebot bewundert. „Jetzt hat man im zweiten Lockdown ohne Kino und Theater wieder viel Zeit zum Lesen“ sagt er. „Das Männchen habe ich mir noch nie so richtig angeguckt. Das ist ja auch so klein“, sagt  er. Einen Krimi von Ruth Rendell und ein Geschichtswerk über den Zweiten Weltkrieg nimmt er mit. Zwei Weltkriege hat Lehmann miterlebt. Während des Ersten war der 1905 geborene Künstler in Koblenz noch ein Kind. Den Zweiten überlebte er als Soldat. Mit 95 Jahren starb er 2000 in Hannover. Dessen Stadtbild  hat er beim Wiederaufbau stark geprägt. Seine Werke findet man aber in ganz Deutschland an Schulen, Kirchen und auf Plätzen. Wie viele von Lehmanns Figuren hat das Männlein einen kugeligen Kopf mit kindlichen Gesichtszügen, eine kleine Nase und Mund, Pausbacken und runde Knopfaugen. Der restliche Körper ist recht abstrakt. Lehmanns Werke, die von naturalistisch bis abstrakt reichen, sind durch vereinfachte Formen und klare Linien charakterisiert. Biblische oder mythische Figuren, Hirten Sitzende, Hockende und Mütter sind dabei, aber auch oft Kinder. Er hatte drei, die ihm oft als Modelle dienten.

Anfang der 30er Jahre lebte er im quirligen Berlin.  Die Bildhauern Gerhard Marcks, von den Nazis als entartet eingestuft und Gustav Seitz, der nach dem Krieg freiwillig in die DDR übersiedelte, waren seine Freunde. Er reiste gern und hatte 1930 ein Stipendium in der Villa Massimo in Rom Ein Jahr nach der Machtergreifung, 1934 verließ er die Hauptstadt und zog zurück nach Kassel, wo er auch studiert hatte. Ob der Umzug mit der Politik der Nazis oder mit der Familiengründung zusammenhing, ist nicht mehr herauszufinden. Zur Zeit der Nazi-Bücherverbrennung lebte er noch in der Metropole. „Nasse Bücher brennen nicht so gut“, meint  Susanne Schramm, Pfarrerin der Citykirche zu dem Kunstwerk. Durch Bücher-Bildung Schutz finden vor Nazi-Politik, sich klein machen und abtauchen. Ist das eine Haltung, die Lehmann befürwortet oder ablehnt? Es ist nicht mehr herauszufinden. Doch  die Wahl seiner Freunde wie Martin Buber, österreichisch-israelisch-jüdischer Religionsphilosoph, Alexander Calder, ein US-amerikanischer Bildhauer der Moderne, der als Erfinder des Mobiles oder Werner Gilles, auch er galt bei den Nazis als entarteter Künstler, , sprechen dagegen. Während seiner Zeit als Professor an der Technischen Hochschule  in Hannover, wo er nach 49 Modellieren in der Architektur-Abteilung lehrte, lud er sie in sein Atelier im Hardenberg'schen Palais am Großen Garten von Herrenhausen ein.

Nasse Bücher brennen nicht gut, aber wenn es lange regnet, kann man mit dem Inhalt auch nichts mehr anfangen. Er geht verloren, egal ob das Buch verschmurgelt oder absäuft.  Ist das Regenmännlein vielleicht sogar eine politische Aussage? Es reicht nicht zu lesen, man muss auch handeln. Aus der Deckung heraustreten und sich stark machen gegen Ungerechtigkeit und Willkür gegen Demagogen und Populisten? Beim Betrachten des Kunstwerks kann man darüber auf alle Fälle nachdenken.

  Pfälzer Lebensfreude (Bonifatius Stirnberg)

 

Klick auf Bild führt zum Bildartikel

Daumen hoch. So sitzt die Hemshof-Friedel auf dem Ludwigsplatz. „Ich ändere das jedes Mal, wenn ich vorbeikomme. Sie soll Gitarre spielen“, meint Günter Schmidt aus Mitte und dreht Friedels Hand zum Griffbrett. Hemshof-Friedel, das Ludwigshafener Original, ist als Puppe Teil des Brunnens „Pfälzer Lebensfreude“ von Bonifatius Stirnberg. Seit der Einweihung 1991 spielen Kinder und Erwachsene gerne mit den vier Gestalten der Bronze-Skulptur. Beim Fußballer rechts von ihr denken die meisten Betrachter an Fritz Walter. Der Jäger aus Kurpfalz reitet auf einem Steckenpferd auf der anderen Seite und gegenüber befindet sich eine Tänzerin. Anders als zu vielen anderen Skulpturen soll man zur „Pfälzer Lebensfreude“ nicht aufblicken. Nur an die von Weinreben umrankte Sonne, die in ungefähr zwei Meter Höhe lacht, kommt man nicht heran.

Die Hand von Hemshof-Friedel zum Griffbrett führen, das Bein des Fußballers zum Ball, die Arme der Tänzerin in eine elegante Pose über den Kopf erheben, dem Jäger den Kopf verdrehen. „Dafür sind die Gelenke da. Das ist so gewollt“, erklärt Künstler Stirnberg aus Aachen. „Von der Hemshof-Friedel habe ich ein Foto erhalten“, berichtet er. In Zusammenarbeit mit der Stadt gestaltete er die „Pfälzer Lebensfreude“. An den Platz selbst kann sich der 87-Jährige nicht mehr erinnern. Zahlreiche seiner Bronzeplastiken schmücken Plätze in ganz Deutschland. Als Bildhauer arbeitet er immer noch in seinem Aachener Atelier. „In Immenstadt im Allgäu war ich gerade zur Einweihung von zwei Holzfällern aus Bronze, überlebensgroß“, betont er stolz. Mit Holz hat er angefangen. Holzbildhauer und Tischler gelernt.

Singen, Tanzen, Ball spielen oder in den Wald gehen, nicht nur in der Pfalz ist das ein Ausdruck von Lebensfreude. Fußball spielen auf dem Ludwigsplatz zwar höchstens mal die Kinder. Musik, Tanz und Theater aber hat die von Platanen umgebene Grünanlage schon oft erlebt. Das Straßentheater-Festival errichtet hier einige seiner Bühnen, das Tulip Inn, das frühere Europa Hotel, veranstaltet Konzerte, zahlreiche Restaurants und Bars ringsum laden zum Einkehren ein. Der Rhein ist nicht weit. Als Verkehrsknotenpunkt entstand der Platz im 19. Jahrhundert zwischen dem Ludwigshafener Kopfbahnhof und dem Winterhafen. Zwar ist nicht mehr so viel los wie vor dem Ersten Weltkrieg, als hier ein Wochenmarkt stattfand. Ein „wenig belebter Platz“, wie das Internet-Lexikon Wikipedia formuliert, ist keine gute Beschreibung.

Ob die Hemshof-Friedel, bürgerlich Elfriede Kafschinsky hier gesungen hat, ist nicht überliefert. Aber vor der Sozialbehörde war sie mit einem Schandlied zu hören: „De Maier is’ e altes Schwoi/ Der stellt mer die Sozialhilf’ oi/De Müller aus ’m zweede Stock/Ach, der miese alte Bock/ Hot kee Herz – der hot sei Freed/ On de Not vun d’ arme Leed …“, sang sie. In den Kneipen des Hemshof spielte sie für Geld. Doch das reichte nicht. Das Sozialamt lenkte nach diesem Auftritt ein und unterstützte sie. Hemshof-Friedel (1914 bis 1979) war unehelich geboren, als Findelkind ausgesetzt und Mutter einer unehelichen Tochter. Uneheliche Kinder, für die er allerdings sorgte, hatte auch der pfälzische und bayerische Kurfürst Karl Theodor (1724 bis1799). Von ihm handelt wohl das berühmte Lied „Jäger aus Kurpfalz“. Kaum jemand weiß, dass es derbe sexuelle Anspielungen enthält. „Er traf ein Mägdlein an/Und das war achtzehn Jahr…Wohl zwischen seine Bein/Da muss der Hirsch geschossen sein“ steht in den Strophen vier und sechs.

Ein Lied gibt es auch für Fritz Walter (1920 bis 2002), dem die dritte Figur gewidmet ist. Die Sportfreunde Stiller ehrten ihn anlässlich der WM 2006 mit „Dem Fritz sein Wetter“. Mit ihm als Kapitän gewann die Nationalelf die Weltmeisterschaft 1954. Der 1. FC Kaiserlautern errang mit ihm die deutschen Meisterschaften 1951 und 1953. Wenig überliefert ist zur vierten Figur, der Tänzerin. Sie bleibt ein wenig gesichtslos. Doch insgesamt zeigt „Pfälzer Lebensfreude“ starke Figuren, die sich zu Lebzeiten nicht haben verbiegen lassen.

„Warum alle Figuren als Puppen, die man manipulieren kann? Geht es bei der Skulptur wirklich um die Lebensfreude? Stellt sie vielleicht den Sinn des Daseins in Frage?“ rätselt Beate Krupp (Name geändert) aus Weinheim. Die Arbeit als Lehrerin fehlt ihr, seit sie vor einem halben Jahr in Pension gegangen ist. Viel reisen wollte sie nach dem Abschied, dann kam Corona. Nicht nur schöne Gedanken kommen ihr mit Zahnschmerzen auf dem Weg zum Arzt beim Anblick des Werkes. „Es wundert mich, dass Stirnberg als Beuys-Student solche Sachen gemacht hat, aber man muss als Künstler schließlich auch leben“, meint als sie von seiner Lebensgeschichte hört. In Düsseldorf war unter anderem Joseph Beuys Anfang der 60er Jahre sein Lehrer. Anders als Beuys, der sich Ende der 50er Jahre von der konservativen Bildhauerei verabschiedet hatte, feiert Stirnberg mit figürlicher Kunst Erfolge. „Immerhin hat der Künstler den Betrachter dazu eingeladen, mit seinem Werk zu interagieren“, meint Krupp versöhnlich. Und so spielt die Hemshof-Friedel je nach Stimmung des Betrachters Gitarre oder hält den Daumen hoch.

Sechs Küken und eine Leseratte: Lutherbrunnen (Gernot und Barbara Rumpf )

 

Klick auf Bild führt zum Bildartikel

Auf dem Sessel des Papstes thront heute Gamze Özdemir. Mit ihren Freundinnen klettert sie auf dem Lutherbrunnen herum. Seit 1992 lädt das Denkmal auf dem Lutherplatz zum Klettern und Spielen, zum Erfrischen und Entspannen ein. Das Bildhauerpaar Gernot und Barbara Rumpf aus Neustadt an der Weinstraße haben den Brunnen geschaffen. Wo heute das Wasser vom Holzkreuz zum Skulpturenteil mit vielen Sandsteinstufen und unterirdisch wieder zurück plätschert, stand bis zum Zweiten Weltkrieg die Lutherkirche, die größte protestantische Kirche in Ludwigshafen. Nur der 61 Meter hohe Turm, nach der Hausnummer Turm 33 genannt, der auch den Eingang bildete, blieb als Mahnmal erhalten. Heute beherbergt er ein italienisches Restaurant. Wo das Kirchenschiff früher einmal endete, kann man an der Umrandung des Platzes mit Bänken und Blumen erkennen. Er dient inzwischen als Begegnungsstätte, als Ort für Freiluftkonzerte, für kirchliche Kultur- und Bildungsangebote. Der Lutherbrunnen steht am Platz des einstigen Altars.

„Den Namen habe ich schon mal gehört“, fällt der zwölfjährigen Muslimin zu Luther ein. In Geschichte sind sie wegen Corona erst bei Christoph Columbus, in Ethik sprechen sie gerade über Vorbilder. Luther kommt wahrscheinlich später. Doch den Lutherbrunnen kann sie schon jetzt mit allen Sinnen begreifen. „Als Bildhauer muss man bedenken, dass Kinder haptisch leben“, meint Gernot Rumpf. „Unsere Skulpturen werden schöner, wenn sie benutzt, bespielt und erklettert werden. Die Politur ist umsonst“, meint Barbara Rumpf augenzwinkernd. „Bakterien, die sich auf Bronze setzen, fallen tot um. Metall ist antiseptisch“, meint sie zur Corona-Gefahr. Besonders gut gefallen Gamze die vielen kleinen Tiere, die das Künstlerehepaar mit viel Sinn für Humor in dem Ensemble dargestellt hat. Nicht nur Mensch und Tier stehen sich hier gegenüber. Der Brunnen vereint viele Gegensätze. Festes und Flüssiges wie Sandstein und Wasser, Holz und Metall wie das Kreuz und die Bronzeskulpturen, Mann und Frau, Martin Luther und Katharina von Bora, evangelisch und katholisch. „Meine Frau hat Katharina modelliert, ich den Martin“, berichtet Gernot. „Sie ist katholisch, ich evangelisch“. Gegenüber stehen sich auch der Hocker, auf dem Luther beim Streitgespräch mit dem Papst Leo X. saß und der Papststuhl. Auf dem sitzt jetzt Gamze. „Gott ist die Liebe“, dieses Bibelzitat, das auf den Stufen steht, fällt ihr auf. „Das glaube ich auch“, meint sie.

„Gott ist die Liebe war der wichtigste Satz in der Bibel für Friedhelm Borggrefe“, berichtet Susanne Schramm, Pfarrerin der Citykirche, die für den Platz zuständig ist. Borggrefe war zur Zeit von Planung und Bau des Brunnens Dekan der evangelischen Kirche in Ludwigshafen. In Zusammenarbeit mit dem Künstlerehepaar entwickelt er zahlreiche Ideen zur Gestaltung des Platzes. „Ihm war eine Kirche ohne Mauern wichtig. Sie sollte locker filigran und durchlässig sein. Jeder soll reinkommen können“, erinnert sich Gernot Rumpf. „Es ist so lebendig, wenn man auf dem Platz sitzt“, freut sich Schramm. An Rumpf-Brunnen sei immer viel zu entdecken, erklärt sie. „Katharina von Bora hatte sechs Kinder. Am Brunnen ist sie mit sechs Küken auf dem Rücken dargestellt“. Als Managerin des Lutherhaushalts, der immer wieder zahlreiche Menschen beherbergte und verköstigte, ist Katharina mit Kochlöffel und einer Stange Lauch dargestellt. Der Brunnen im Herzen der Stadt ist bundesweit das einzige gemeinsame Denkmal des Paares. „Martin ist mit einer Buchpresse dargestellt“, weist Schramm hin. Nur dank der Erfindung von Johannes Gutenberg war die massenhafte Verbreitung von Luthers deutschsprachiger Bibelübersetzung möglich. „Weil er so viele Lieder gedichtet und komponiert hat, ist ein kleiner Vogel bei ihm zu sehen“, weiß die Pfarrerin. „Was soll denn die kleine Maus?“ fragt Gamze. Mit einer Riesen-Brille auf der Nase liest sie in einem dicken Buch. „Das ist eine Leseratte“, meint Barbara Rumpf. „Das ist meine Unterschrift, man findet eine Maus an den meisten unserer Kunstwerke“, erklärt Gernot Rumpf. Mit einem Bein steht Gamze jetzt in dem kleinen Bachlauf. Im Sommer fließt hier Wasser. „Das lebendige Wasser fließt zwischen Kreuz und Leben“, deutet Theologin Schramm das Kunstwerk. Viel Leben ist auch im Restaurant „Torre da Angelo“. Hier gibt es Pizza, Pasta und andere italienische Spezialitäten. Beim Servieren im Freien muss Familie Montana immer wieder über den Bachlauf schreiten. Nasse Füße gab es dabei noch nicht – jedenfalls nicht aus Versehen.


Kein Besucher seit Veröffentlichung dieser Seite am 15.5.2020 wird mehrmals gezählt!

Besucherzaehler