Ein künstlerischer Spaziergang

Andrea Döring hat sich als freie Reporterin für verschiedene Tageszeitungen der öffentlichen Kunst in Ludwigshafen gewidmet. Ihre Artikel sind hervorragende Ergänzungen zu meinen doch recht kurz gehaltenen Vorstellungen der Kunstwerke, denn Andrea Döring hat das enorme Talent zu tiefgreifenden Recherchen!

Aus rechtlichen Gründen können hier nicht die Originalartikel der Zeitungen gezeigt werden; ich veröffentliche also die Grundartikel von Andrea Döring selbst mit einigen ihrer Fotos.

Ganz herzlichen Dank, Andrea, für deine wunderbaren Ergänzungen zu dieser Page!


Nicht nur dem Kaiser gefiel der kräftige junge Mann (Bogenschütze, Ernst-Moritz Geyger)

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Rheinpfalz, 11.4.2020


Mit nichts als einem Helm auf dem Kopf steht ein junger Mann am Rande einer Wiese. Er ist etwa ein Meter achtzig groß und athletisch gebaut. Im Sonnenlicht glänzen seine Sixpacks, seine Schultern sind breit, Arme und Beine sehr muskulös. Er hat den linken Fuß vorgestellt und holt mit den Armen weit aus, um einen Pfeil mit dem Bogen in seinen eleganten Händen abzuschießen. Nein, es handelt sich nicht um ein durchgeknalltes Corona-Opfer mit Lagerkoller, das ist Kunst. Die Skulptur „der Bogenschütze“ von Ernst Moritz Geyger steht seit 1925, seit der Einweihung des Ebertparks mit der Süddeutschen Gartenschau, mit kurzen Unterbrechungen vor dem Turmrestaurant im Ebertpark. Der Ludwigshafener Bogenschütze hat viele Brüder. Weitere Skulpturen, die der Künstler in sechs verschiedenen Größen und verschiedenen Materialien verkaufte, stehen beispielsweise am Elbufer in Dresden und im Park von Schloss Sanssouci in Potsdam.

„Das ist ein schöner Mann, gut trainiert“, findet Edith Stucke aus Friesenheim. Mit ihrem Mann Manfred macht sie einen morgendlichen Spaziergang im Ebertpark. Gefallen an der Skulptur fand auch der deutsche Kaiser Wilhelm II., als er Geyger 1895 in dessen Atelier besuchte. Ein 3,50 Meter hohes Gipsmodell hatte der Künstler gerade in der Berliner Achenbachstraße fertig gestellt. Der Kaiser bestellte die Figur in Kupfer getrieben. Im Ebertpark ist die Skulptur nicht ganz so kostbar und auch nicht so monumental wie sein Pedant unterhalb der Orangerie im Park von Sanssouci. Beim Ludwigshafener Bogenschützen handelt sich laut der auf Metallrestaurierung spezialisierten Firma Haber & Brandner mit Sitz in Regensburg und Berlin, die die Figur 2011 restaurierte, um eine Hohlgalvanoplastik, hergestellt von der „Galvanoplastischen Kunstanstalt Geislingen-Steige“, heute WMF. Um 1900 war WMF europaweit führend in der Herstellung von Bildwerken in dieser Technik.

Dafür stellt man eine Negativform vom Original, oft aus Gips, her. Diese wird mit Graphitpulver elektrisch leitend gemacht und dann in ein galvanisches Bad gehängt, zumeist eine Mischung von Kupfersulfat und Schwefelsäure. Mit Hilfe von Kupferschrauben und -drähten legt man den Strom flächendeckend an der Graphitoberfläche an. Das Material lagert sich dann im Inneren der Form ab. Mit Hilfe einer Kopiermaschine konnte WMF Figuren in Größen von 31 Zentimetern bis zu vier Metern herstellen. Nicht nur der deutsche Kaiser fand die Figur des Bogenschützen schick. In zahlreichen deutschen Herrenzimmern stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Kopie des athletischen nackten jungen Mannes auf den Schreibtischen.

Geyger hatte die beliebte Skultur, die Bezüge zu vielen antiken Darstellungen von Bogenschützen, zu einer Grafik von Albrecht Dürer und dem Herkuleszyklus am Brandenburger Tor aufweist, Zeitgenossen zufolge nach freiem Augenmaß hergestellt. Auch sportlichen Maßstäben wird der Künstler gerecht. „Das ist eine asiatische Technik, die heute noch beispielsweise in Japan angewandt wird“, erklärt Karlheinz Fuhry, Leiter der Langbogenabteilung der Schützengesellschaft Ludwigshafen nach einem fachkundigen Blick auf die Skulptur. „Die Sehne ankert im Daumen, der Zeigefinger ist der Auslöser“, beschreibt Fuhry die Handhaltung. Zur Stellung der Füße meint er trocken: „Das ist künstlerische Freiheit“.

Mehr Freiheit als andere Zeitgenossen gönnte sich der erfolgreiche Künstler, der 1861 in Berlin geboren wurde. Geyger hielt sich lange zu Studienzwecken in Frankreich und Italien auf. An der Berliner Akademie hatte er von 1918 bis 1927 eine Professur für Graphik inne, nachdem er 1893 nach nur fünf Monaten eine Professur an der Dresdner Akademie hingeschmissen hatte.. Er pendelte zwischen seinen Ateliers in Berlin und Florenz. In Florenz hatte er nach 1927 seinen festen Wohnsitz. In Deutschland gefielen nicht nur Kaiser Wilhelm seine Werke, auch Adolf Hitler kaufte einiger seiner Bilder und verlieh ihm 1936 einen Ehrensold. Mit dem Bogenschützen am Königsufer in Dresden nahm Geyger 1938/39 an der zweiten deutschen Architekturausstellung im Münchner Haus der Deutschen Kunst teil. Seine Skulptur entsprach dem, was die Nationalsozialisten als „schöne Kunst“ definierten: eine makellose Idealfigur, die in ihrer kriegerischen Pose die Bevölkerung auf Angriff und Verteidigung einstimmen sollte, wie der Kunsthistoriker Thomas Kantschew in seinem Buch „Das neue Dresden“erläutert. Nur wenige Tage vor seinem Tod erhielt Geyger 1941 die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft. Die Folgen des Krieges, in dessen Verlauf auch Ludwigshafen schweren Schaden nahm, hat Geyger nicht mehr kennengelernt. Seine Skulptur im Ebertpark betrachten viele Spaziergänger heute immer noch mit Interesse.


Die Seinsfrage kringelt sich vorm Klinikum (Ring des Seyns, Kazuo Kataze)

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Rheinpfalz, 25.4.2020

„Ein riesiger Hula-Hoop-Reifen?“ Die Frage, was ihm der „Ring des Seyns“, ein Kunstwerk von Kazuo Katase, das die Seitenwand des „Klinikum der Stadt Ludwigshafen am Rhein“ schmückt, sagt, antwortet Helmut Schuster aus Frankenthal mit einer Gegenfrage. Mit einem Kaffee To Go steht er an der Ecke Bremserstraße/Hohenzollernstraße. Den Frühlingssonnenschein kann er nicht so richtig genießen. Seine Frau ist schwer krebskrank. Auf dem Weg zur Bestrahlung kann er sie wegen der Corona-Krise nur bis zur Eingangstür des Klinikums begleiten. Jetzt hat er viel Zeit, sich das Krankenhaus von außen anzugucken. Das Kunstwerk hat er wie viele Menschen, die an der belebten Kreuzung zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Auto oder der Straßenbahn vorbeikommen, schon gesehen, aber nicht richtig wahrgenommen.

Ein 30 Meter langer schwarzer Stahlstab liegt auf dem Dach. Durch eine grün patinierte Kupferröhre, auf dem der Stab liegt, ragt er schräg über das Gebäude hinaus. An seinem Ende hängt ein roter Ring aus Stahl mit einem Durchmesser von zehn Metern. Vor der Glasfassade, als vierter Bestandteil der Installation steht ein 26 Meter hoher, leicht schräggestellter, bräunlich oxidierter Stab aus Cortenstahl. In Corona-Zeiten nur für Patienten und Mitarbeiter zugänglich ist weiterer Ring im Inneren des Gebäudes, ein blauen Neonring in der gläsernen Treppenhauskuppel des Klinikums.

„Früher hat meine Frau gern den Hula-Hoop-Reifen kreisen lassen. Vielleicht kann sie das ja irgendwann wenigstens mal wieder probieren“, hofft er beim Anblick des Kunstwerks. Was Künstler Katase zu Schusters Gedankengängen, angeregt vom „Ring des Seyns“ sagen würde, ist im Moment nicht zu ermitteln. Katase, der 1947 im japanischen Shizuoka geboren ist, seit 1975 in Deutschland lebt, nimmt gerade eine Auszeit in Japan. Seine Werke, die international sehr erfolgreich sind, beschäftigen sich oft mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und den Antworten, die fernöstliches Denken darauf geben.

„Was hört man, wenn man nur mit einer Hand klatscht?“, fragte Zen-Meister Hakuin seine Schüler zur Einführung in diese Art des Denkens. Die Antwort auf diese paradoxe Frage findet man der Zen-Philosophie zufolge in einer Erleuchtung, in Bildern. Genauso sei es mit der Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Muss man ins Krankenhaus – und dazu noch in Corona-Zeiten – stellen sich viele Menschen diese Frage. Krankheit stellt den Alltag vieler Patienten, ihrer Familien und ihrer Freunde oft völlig auf den Kopf und lässt ihn in einem anderen Licht erscheinen. Vielleicht entstehen durch die Corona-Pandemie in den Köpfen vieler Menschen neue Bilder zum Sinn des Lebens.

Ganz handfest ist für die Behandlung von Corona-Patienten im Klinikum eine Infektionsambulanz eingerichtet. Anfang April behandelte das Klinikum 18 Corona-Patienten, davon sechs auf der Intensivstation. Zwei von ihnen stammen aus dem Elsass. Fünf Patienten werden beatmet. Doch auch in normalen Zeiten kommen Menschen aus der ganzen Metropolregion Rhein-Neckar auf der Suche nach Heilung ins das zweitgrößte Krankenhaus in Rheinland-Pfalz mit fast 1000 Betten. Es umfasst 15 Kliniken, sieben zertifizierte Organkrebszentren, sieben Kompetenzzentren und fünf medizinische Institute. Für Studenten der Universität Mainz und der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg ist das Klinikum akademisches Lehrkrankenhaus. Ein wichtiger Schwerpunkt ist die Behandlung von Herzerkrankungen.

Lange vor Corona, im Jahr 1998 entwarf Katase das Kunstwerk für das Klinikum. Hier wird oft über Leben und Tod entschieden, die Seinsfrage immer wieder neu gestellt. Doch nicht nur in östliche Denkrichtungen soll der „Ring des Seyns“ weisen. Das Y im Wort „Seyn“ soll an die geistige Strömung des europäischen Humanismus erinnern, dessen Denker wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel diesen Buchstaben gerne statt des I benutzten. Hegels These, dass das Bewusstsein das Sein bestimmt, drehte Karl Marx später um. Gemeinsam glauben Humanisten jedoch, dass es ein besseres Leben für die Menschen geben kann. Besonders durch Bildung sollen sich die Menschen so gut wie möglich entfalten. Daraus ergibt sich Kritik an Verhältnissen, die dem nach der Meinung der Philosophen entgegenstehen. Die Corona-Krise lässt vieles in unserem Leben, was uns selbstverständlich und manchmal sogar lästig erschien, Schule, Uni, Kirche, Kino, Museen, Musik, Spiel und Sport in ganz anderem Licht erscheinen. Katases „Ring des Seyns“ kann bei einer neuen Bewertung kluge Anregungen geben. Auch wenn man vielleicht nur mal den alten Hula-Hoop-Reifen wieder rausholt.


Wie auf den Osterinseln (Insel des Friedens, Knut Hüneke)

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Rheinpfalz, 12.5.2020

„An die Osterinseln erinnert mich das“, meint Michael Meier aus Heidelberg zu den drei lebensgroßen Steinfiguren, die vor der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BG) in Ludwigshafen vor der Eingangstür im Kreis sitzen und liegen. Meier betritt den Kreis, um die Inschrift auf einer kleinen Tafel zu lesen. „Insel des Friedens“ heißt das Werk, der Künstler Knut Hüneke, seit 2003 schmückt die Figurengruppe den Eingang der BG. In die Klinik darf Meier wegen der Corona-Ansteckungsgefahr nicht hinein. Er hat einen Freund mit dessen Mutter, die gestürzt ist, an diesem sonnigen Aprilmorgen in die Notaufnahme gefahren. Jetzt wartet er auf Bescheid, wie schwer die Verletzung ist, ob er warten oder nach Hause fahren soll.

„Wo gehen wir hin? Was ist mit dem Tod? Bei den Skulpturen auf der Osterinsel geht es auch um eine spirituelle Dimension“, würdigt Hüneke die Gedanken Meiers. Der gelernte Steinmetz und Steinbildhauer Hüneke, der 1962 in Darmstadt geboren ist, lebt und arbeitet in Heidelberg-Dossenheim. Auch formal und ästhetisch hätten die Figuren mit den rätselhaften uralten Steinwesen auf der Insel vor der Küste Südamerikas zu tun, meint der Künstler. Die Felsen, aus denen die drei Steinmenschen gehauen sind, kommen zwar nicht von der Osterinsel, haben aber trotzdem weite Reisen hinter sich. Tritt man aus der Eingangstür der BG sitzt links eine Gestalt, die aus ägyptischen Rosengranit besteht. In der Mitte liegt eine Figur aus Dolerit, eine Basaltart aus Namibia. Rechts hockt ein Steinmann aus deutscher Basaltlava. Alle drei Skulpturen hat Hüneke einzeln vor Ort gefertigt und sich dabei von den heimischen Kulturen und Religionen und ihrer Geschichte inspirieren lassen. Sie bilden zwar einen Kreis, schauen aber aneinander vorbei.

Bei der Aufstellung durften Mitarbeiter der BG mitreden. Darunter war der frühere Geschäftsführer der BG Erwin Radek, der den Künstler auf einer seiner Ausstellungen kennengelernt hatte. „Wir haben im Steinbruch Figurenwerfen gespielt“, berichtet Hüneke augenzwinkernd über den Besuch der Kommission. „Verschiedene Figuren habe ich mit dem Stapler hin- und hergefahren. Als alle Gesichter gelacht haben, war die Gruppe fertig.“ Sie gefällt vielen Mitarbeitern und Patienten. Immer wieder bekommt Hüneke Mails von Menschen, die lange Zeit in der BG verbringen mussten: „Sie hat mir Ruhe gegeben“, ist oft ihre Botschaft. Auf andere Menschen hat sie eine andere Wirkung. Erwachsene kommen auf die Idee, sich draufzusetzen oder sich in den Kreis zu integrieren. Kinder würden oft gerne auf die Figuren klettern. Die Wachleute reagieren unterschiedlich. „Ich finde das eher schön, wenn es einen Kontakt gibt. Anders als bei Holz- oder Bronzeskulpturen kann ja nichts kaputt gehen“, erklärt der Künstler. Als Patient war Hüneke noch nicht in der BG. „Ich komme aus dem Handwerk, ich weiß, wie wichtig Unfallverhütung ist“, erklärt er.

Für Berufsverletzte, aber auch andere Patienten steht die BG offen. Die Behandlung von Brandverletzungen, aber auch die Unfallchirurgie und Orthopädie sind die Schwerpunkte der Klinik. Sie ist seit November 1973 auch der Stützpunkt des Rettungshubschraubers Christoph 5. Seit Montag, dem 06. April, ist der Intensiv-Transporthubschrauber Christoph 112 an der BG Klinik Ludwigshafen stationiert. Covid-19-Patienten kann er als fliegende Intensivstation beatmet transportieren. Er ist der erste ADAC-Rettungshubschrauber, der bundesweit Einsätze fliegen kann und das sogar nachts.

Von der archaisch wirkenden „Insel des Friedens“ aus kann man den technisch hochgerüsteten Corona-Hubschrauber sehen. „Durch die Corona-Krise geht es mit einem Mal darum, was übrigbleibt, wenn das Geld auf dem Konto, das Haus, das Auto, die Fernreisen an den Rand rücken. Keine Religionsgemeinschaft, kein spiritueller Verein hätte das erreichen können“, glaubt Hüneke. Umso mehr freut er sich, nach der Krise wieder Kurse geben zu können. Steinbildhauen kann man bei ihm lernen, aber auch experimentelle Archäologie. „Man findet viel über die Vergangenheit heraus, indem man einfach die Arbeitsprozesse nachmacht“ Auch auf fremde Länder ist er weiter neugierig „In Indien gibt es bis auf den heutigen Tag Orte, an denen Bildnisse hinduistischer Gottheiten aus Stein gefertigt werden. Nur wenn sie streng einem überlieferten Proportionskanon folgen, haben sie eine spirituelle Wirkung. Es ist klar, dass ein figurativ arbeitender Steinhauer diese Orte gesehen - und vielleicht sogar dort gearbeitet - haben muss.“ Als nächstes möchte er aber Göbekli Tepe, mit 12.000 Jahren die älteste Tempelanlage der Welt, in der Osttürkei besuchen, die der verstorbene Heidelberger Archäologe Klaus Schmidt ausgegraben hat. Und die Osterinsel? „Tatsächlich steht die Osterinsel und das Inka Mauerwerk in Peru schon lange auf meiner Wunschliste.“ Bis Reisen aber wieder möglich ist, ist die „Insel des Friedens“ vor der BG ein Ort, an dem man sowohl Ruhe als auch Fernweh spüren kann.


Wohin führt das Leben? (Endlose Treppe, Max Bill)

Rheinpfalz, 26.5.2020

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„Die Endlose Treppe“ liegt auf dem Weg von der Agentur für Arbeit zum Jobcenter. Die Skulptur stammt von dem Schweizer Künstler Max Bill. Für das Prinzip Hoffnung, das bekannteste Werk des Philosophen Ernst Bloch, wollte Bill mit den Treppenstufen ein Bild finden. Seit 1991 steht das 20 Tonnen schwere Werk aus Granit an der Berliner Straße. Sie trägt eine Bloch gewidmete Inschrift. Im Jahr 1985 wäre der berühmte Sohn der Stadt hundert Jahre alt geworden. Noch näher als das Jobcenter allerdings ist dem Kunstwerk das Wilhelm-Hack-Museum. Die Skulptur ist eine Dauerleihgabe vom Förderkreis des Museums, der Dr.-Hans-Klüber-Gedächtnisstiftung und der Stadtsparkasse. Auf dem Seminarplatz in Dessau, Ludwigshafens Partnerstadt in Sachsen-Anhalt, ist ein weiteres Werk Bills mit gleichem Namen zu finden. 

Ganz unterschiedlich erscheint die Höhe der Stufen je nach Lichteinfall. Doch misst man nach, winden sich 19 Stufen ganz gleichmäßig 9,35 Meter in die Höhe. Beim Anblick der Endlosen Treppe fühlt Christian Maurer, seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, sich an Kafka erinnert. „Die Stufen führen ins Nichts. Ein Geländer ist auch nicht da. Man dreht sich im Kreis. Eine ausweglose Situation“, meint er zum Kunstwerk. Auf das Prinzip Hoffnung trifft er in einer ziemlich verzweifelten Lage. Er ist Inhaber eines kleinen Reisebüros. „Mit den vielen Reise-Stornierungen wegen der Corona-Pandemie habe ich unheimlich viel Arbeit. Die versprochenen Zahlungen sind auf meinem Konto noch nicht eingegangen, die Kosten laufen aber weiter. Mit dem Arbeitsamt hatte ich fast vierzig Jahre lang nichts zu tun“, berichtet der 57-Jährige Mitte April.

„Der Boden wankt, sie wissen nicht, warum und von was. Dieser ihr Zustand ist Angst“, so steht auf der ersten Seite von Blochs „Prinzips Hoffnung“. Das Sein, das Materielle, was man besitzt und wie man arbeitet, bestimmen das Bewusstsein, war der Neomarxist überzeugt, aber Menschen seien auch mit einem „Überschuss“ ausgestattet. Das drückt sich Bloch zufolge aus in der Kunst, der Musik und in Utopien, Vorstellungen von einer besseren Welt. Wie man darauf hoffen lernen kann, ist in dem fast 1700 Seiten starken Werk zu lesen. Vielleicht ein guter Lesetipp in Pandemie-Zeiten. Ob Bill das Buch von vorne bis hinten durchgearbeitet hat, ist nicht überliefert. Doch der Künstler und der Philosoph waren Freunde mit gemeinsamen politischen Meinungen. Beide waren überzeugte Antifaschisten. Mehrfach hatte Bill Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland versteckt. Über die Schweiz führte Blochs Weg aus Deutschland nach Amerika. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzen sich beide in ihren Werken für die Versöhnung von Vernunft und Gefühl ein.

Bill war nicht nur Bildhauer, sondern auch Grafiker, Maler und Architekt. Als Konstruktivist arbeitet er mit geometrischen Grundformen, Farbflächen und Linien. In seinen Werken hat er oft versucht, Grundprinzipien des Daseins in eine durch mathematische Gesetzmäßigkeiten bestimmte Form zu bringen. Wohin führt das Leben? Die Antwort auf diese Frage bleibt bei der Endlosen Treppe offen. Bei anderen Werken Bills wie der „Unendlichen Schleife“, die seit 1974 im Essener Stadtgarten steht, oder „Kontinuität“, 1986, zu finden vor der Hauptverwaltung der Deutschen Bank in Frankfurt, führt die Form oft zurück zum Anfang. Die Granit-Treppe ist eines seiner letzten großen Werke Bills. Ein Jahr zuvor, 1990, widmete ihm das Hack-Museum eine große Retrospektive. 1994, drei Jahre nach der Einweihung der Skulptur, im Alter von 86 Jahren starb Bill.

Gutes Anschauungsmaterial für Mathe- und Physiklehrer könnten Bills Werke wie etwa „Strahlung aus Durchdringung“ in Lugano aus dem Jahr 1969, „Rotation um sich ausdehnendes Weiss“. Zürich, 1981 oder das Einstein-Denkmal. Ulm, 1982, bieten. Vielleicht ist die Endlose Treppe aber auch ein Fall für Reli-Lehrer und Pfarrer. Sie führt nach oben, in den Himmel. Verweist das Werk, das an den Atheisten Bloch erinnern soll, auf Gott? Nicht nur die Agentur für Arbeit und das Hack-Museum findet man in der Nähe der Endlosen Treppe, auch die Lutherkirche, die im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört wurde. Durch den Krieg und den Holocaust haben viele Menschen ihren Glauben verloren. Heute dient die ehemalige Kirche als Mahnmal, als Begegnungsstätte für religiöse Veranstaltungen, aber auch für Konzerte und gemütliches Beisammensein mit Freunden.

Wie die Endlose Schleife hat die Endlose Treppe etwas mit Bewegung zu tun, die Treppe zusätzlich aber auch mit Anstrengung und vorgegebenen Strukturen, den Stufen. Obwohl sie die gleiche Höhe haben, erscheinen sie mal schwerer, mal leichter zu erklimmen. Wohin gehen wir und welchen Weg nehmen wir? In verschiedenen Phasen des Lebens geben Menschen auf diese Fragen durchaus unterschiedliche Antworten. Durch die Corona-Krise erscheint vieles in einem neuen Licht.


Auf der Suche nach Erleuchtung (Lichttor, Wolf Spitzer)

Rheinpfalz, 29.6.2020

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„Ludwigshafen war wie eine Mutter für mich“, erinnert sich Bildhauer Wolf Spitzer an seine Anfangszeit als Künstler. Einige seiner Großplastiken sind in der Industriemetropole zu finden. Zwischen Rathaus und Fußgängerzone ist seit 1979 seine Bronzefigur „Lichttor“ platziert. Oft ist sie Treffpunkt für Demonstrationen. Kerzen stellen Ludwigshafener gern zwischen den fünf Meter hohen Streben auf den Sockel aus Granit, wenn sie trauern oder wichtiger Ereignisse gedenken. Spitzer, der 1940 in Speyer geboren ist und dort lebt, verfolgt aufmerksam die Entwicklung Ludwigshafens. „Sie ist eigentlich eine Arbeiterstadt mit viel Charme. Leider liegt sie momentan am Boden“, bedauert der Künstler.

Wie man in einer solchen Situation hoffen lernen kann, ist bei Ernst Bloch zu lesen. Als Hommage an den wichtigen Philosophen der Stadt ist das Lichttor gedacht. Dessen Hauptwerk, „das Prinzip Hoffnung“, fast 1700 Seiten schwer, steht, offensichtlich gelesen, in Spitzers Arbeitszimmer im Regal. „Der Name bezieht sich einerseits auf eine profane Ebene, nämlich der bei Nacht angeleuchteten Plastik, andererseits auf eine metaphysische Ebene, nämlich die des Lichtes im Sinne von Erleuchtung“, erklärt Spitzer, der sich immer wieder in seinem Leben und seiner Kunst mit Religion auseinandergesetzt hat.

Allenfalls in religiösem Sinne kann das Lichttor heute noch zur Erleuchtung führen. Außer den Kerzen flackert hier nachts nichts mehr. Von vier Lichtpositionen im prismatischen Sockel aus sollte sie von unten nach oben im angeschliffenen Inneren mit Licht geflutet sein. Seit bei irgendeiner Umbaumaßnahme die Kabel gekappt sind, ist das Lichttor so nicht mehr zu sehen. Mit seiner Skulptur wollte er den Stadtraum zum Rathaus öffnen, und das Rathaus zur Stadt. „Das war so wunderbar angelegt“, schwärmt er vom Rathauscenter. Dem früheren Leben auf der Bismarckstraße trauert er nach. „Es tut so weh, die Stadt in diesem Zustand zu sehen“, klagt er. „Das Fieberthermometer einer Stadt steigt und fällt mit ihrem Aussehen“, weiß er. Doch der rüstige Rentner mit den wachen blauen Augen verweist auf die „Broken-Windows-Theorie“. Nach der geht immer mehr kaputt, wo man nicht repariert. Spitzer krempelt innerlich schon die Ärmel auf. „Man müsste das Lichttor mal richtig durchschleifen“, meint er.

Von seiner enormen Schaffenskraft zeugen Haus und Garten von Familie Spitzer in Speyer. Modelle und Originale schmücken die Wände und stehen auf Tischen und Regalen. Erasmus von Rotterdam steht als Statue auf einem Sockel mitten in seinem Arbeitszimmer. Anders als die abstrakten Großplastiken, die auf den Straßen und Plätzen Ludwigshafens zu finden sind, sind die Köpfe und Büsten wie etwa die von Martin Luther und Philipp Melanchthon, die in Wittenberg stehen, eher figürlich. „Ich denke gegenständlich, plastisch und konstruktivistisch. Diese Denkebenen sagen sich bei mir gegenseitig Guten Tag und Auf Wiedersehen“, erklärt er den scheinbaren Widerspruch. Aus den Negativ-Wachsformen seiner figürlichen Arbeiten bildet er gern Höhlen und Landschaften.

Das Sein, das Materielle, was man besitzt und wie man arbeitet, bestimmen das Bewusstsein, war Neomarxist Bloch überzeugt, aber Menschen seien auch mit einem „Überschuss“ ausgestattet. Das drückt sich Bloch zufolge aus in der Kunst, der Musik und in Utopien, in Vorstellungen von einer besseren Welt. Für ein schöneres Ludwigshafen hat Spitzer viele Ideen. „Ein Künstler ist kein Solitär, nicht vom Himmel gefallen. Er ist Teil einer Stadt“, weiß er. Gerne würde er seine und die Kunstwerke seiner Kollegen wieder stärker gewürdigt wissen, etwa durch die Entfernung von Graffities. Für seine Skulptur wünscht er sich von der Stadt die Reparatur der Lichtanlage. „Das Lichttor ist ein Friedensgebilde, ein Geistesgebilde“, meint Spitzer. Die Flamme, die Ludwigshafen zur Mutter vieler Künstler gemacht hat, ist noch lange nicht erloschen.

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